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Hier kommt die Geschichte, wie es dazu kam, dass ich mich Apananda nennen durfte.

 

Apananda – eine Reise durch die 4 Schilde

„Ich gehe meinen Weg – ich bin frei“, so spreche ich laut und fest in die Gruppe am vorabendlichen Lagerfeuer, bevor eine  „Auszeit“ für uns am nächsten Tag beginnt. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die auf einer Reise nach „Innen“ sind. Eine Hütte in den Nockbergen in Kärnten in ca. 1700m Höhe ist unser Standort für unsere Naturübungen und unsere Naturwanderungen. Es ist Juli - die Natur zeigt auch in diesen Höhen ihr Sommerkleid

Wir machen in diesen Tagen eine Reise um das „Medizinrad“ und reflektieren unser Hier und Jetzt in den „vier Schilden“ gemäß der Himmelsrichtungen.  Das Medizinrad ist eine Orientierungshilfe für unser Selbst. Wo stehe ich gerade? 

Am folgenden Tage werden wir hinausgehen in die „wilde Natur“. Jeder für sich wird ein Naturritual machen. Im alltäglichen Miteinander und in der Schärfung unserer Wahrnehmung, um unsere innere Natur im Spiegel der äußeren Natur zu erkennen, haben wir die Tage zuvor einen Absichtssatz gefunden, der uns in der kommenden Schwellenzeit für 24 Stunden leiten will. In einer Auszeit, in der wir fastend und alleine und ungeschützt in der freien Bergnatur verbringen, werden wir in die Welt des Unterbewussten und in unsere oft schmerzhaften Erinnerungen unserer Biografie eintauchen, um zu prüfen, wie unsere neue Absicht uns führt und nährt

So geht es am frühen Morgen nach dem Lagerfeuerabend los. Der Rucksack ist mit dem Nötigsten für die nächsten 24 Stunden gepackt. Schlafsack,  Isomatte und ein Tarp als Wetterschutz sind dabei - und 3 Liter Wasser; es wird gefastet. Wärmende Kleidung und Regenschutz. In diesen Tagen ist es auf der Höhe der Baumgrenze recht frisch und das Wetter ist sehr regnerisch. Es könnte sogar schneien. 

Folglich sind wir nicht überrascht, dass es an diesem Morgen wiederum nieselt. Wir treten in den Räucherkreis, um von Franz, dem Leiter des Seminars, ausgeräuchert zu werden aus der normalen Alltagsvorstellung von Raum und Zeit und Sein. Ich mache mich auf zu dem Platz, den ich mir am Vortag ausgesucht habe. Er liegt auf der Kuhweide etwa an der Baumgrenze, und man hat einen schönen Blick auf die gegenüberliegende Bergkette. Ich gehe langsam durch die aufgeweichte Wiese entlang  dem Begrenzungszaun zur Kuhweide. Er dient 

mir zur Orientierung. Die Kühe sind schon munter und halten sich entlang des Zaunes auf. Das irritiert mich etwas, denn es bedeutet, dass sie wohl um meinen Platz herum weiden werden. Zunächst finde ich meinen Platz nicht. Ich merke, dass ich einen gewissen Umweg dorthin mache und achtsam schauen muss, um Zeichen des ausgewählten Platzes zu erkennen. Einige Male weiche ich dabei der einen oder anderen Kuh aus. Schließlich komme ich an und stelle fest, dass dieser Platz ganz gut regengeschützt ist. Ich fange sofort an, mir mit meinem Tarp einen Regenschutz aufzubauen. Ich spanne eine Schnur von Baum zu Baum, um das Tarp darüber auszubreiten. Doch dann höre ich schon die sich nähernden Kuhglocken. Es erschreckt mich, und ich ahne nichts Gutes. Und schon sind sie da: Zwei junge Stiere mit drei Kühen in der Gefolgschaft. Je mehr ich mit ihnen versuche zu reden, um so näher kommen sie zu mir. Sie brechen bald über meinen Platz durch das Unterholz ein und versuchen neugierig alles abzuschlecken. Ich habe die Not, meinen Rucksack zu schützen. Mit einem Stock mache ich mich groß und versuche mir Respekt zu verschaffen. Mit lauten Worten will ich zeigen, wer hier Herr des Ortes ist. Aber die Stiere sind nicht wirklich beeindruckt, einer drückt mir sogar seine gesenkte Stirn direkt an die Brust. Es hat was wie eine Drohgebärde. Ich tätschle ihn und streichle über seine Stirn und seinen Nacken und wirke beruhigend auf ihn ein. Ich denke mir: „Nur nicht weichen.... sonst sind deine Sachen weg.“ Nach viel Gestikulieren und immer wieder Brust Zeigen finden die beiden, dass es wohl langweilig für sie auf Dauer wird, und stapfen davon..... 

Was fange ich jetzt mit diesem Teaching von fünf mal vier Beinen an? 

Ich beschließe diesen Platz auf der Kuhweide zu verlassen und mir einen Platz außerhalb des eingezäunten Bereiches zu suchen. Sichtlich wütend verlasse ich diesen Platz. Doch auf was bin ich wütend? Haben die Kühe mir meine Freiheit genommen?

Auf der Suche nach meinem neuen Platz entdecke ich große Fichten, die mich sehr anziehen und die sich mir ganz freundlich als große Beschützer gegen mögliches Unwetter einladen. Sie sind mächtig hoch und haben unglaubliche Äste, die sich an Bodennähe tief vom Stamm her herabsenken und sich dann wieder etwas hochbiegen gegen den Himmel. So wirken sie wie Elfenbeinzähne oder wie Mammutrüssel. Diese Äste sind nicht rund sondern eher oval. Damit entsteht um den Stamm ein sehr geschützter kreisförmiger Raum, der stets trocken zu sein scheint und natürlich sehr weich infolge der vielen Nadeln ist. So lasse ich mich von einem dieser Baumgeister finden und richte mich bequem in seinem Zelt aus Ästen ein. Schließlich lege ich mich ausruhend in meinen Schlafsack und strecke mich erschöpft aus. Es regnet weiter..... aber ich bin froh, das Kapitel Kühe hinter mir zu haben.

Bevor ich einnicke schaue ich noch auf mein Handy, um die Uhrzeit zu checken. Unter dem Baum ist Dickicht. Und es ist ziemlich düster, um den Sonnenlauf zeitlich zu interpretieren. So sehe ich, dass eine SMS angekommen ist. Verwundert lese ich:  „Apananda.... ich denk an Dich!“ 

Wie vom Donner getroffen, staune ich über Lindas Botschaft! 

 

Linda hatte ich vor einigen Jahren während eines Klinkaufenthalts getroffen. Unsere Begegnung war geprägt von großer Zuneigung für unsere „Wunden“und dem Entdecken der gegenseitigen Seelenkräfte, die im Heute nach ihrer Ausdrucksform suchend unterwegs waren. Sie nannte mich Apananda und konnte mir nie erklären, warum sie das tat und welche Bedeutung dieses Wort hatte. In den Folgejahren habe ich immer wieder versucht, dieses Wort zu entschlüsseln. Doch ich landete immer wieder in einer Sackgasse und blieb erfolglos. In den Tagen der Vorbereitung zu dieser Reise war ich sonntags im Wald zuhause im Schwarzwald unterwegs und ich stellte mir wieder einmal diese Frage nach dem Wortsinn von Apananda. Ich spürte, dass ich an diesem Tag die Bedeutung finden müsse, und setzte mich nach der Wanderung an den PC, um mit frischem Elan zu suchen. Ich teilte das Wort auf und suchte nach den möglichen Silbenbedeutungen. So wurde ich im Sanskrit endlich und freudig fündig. Ananda war der jüngste Bruder von Buddha. Ananda bedeutet Glück. Das Glück der Ekstase. Die Silbe Ap bedeutet im Sanskrit so was wie auch oder sogar. Folglich erkannte ich für diesen Namen Apananda, was er für mich bedeuten kann: Der, der sogar glückselig ist. Das war ein Geschenk von Linda und ich bin ihr so sehr dankbar dafür. 

Und gerade an diesem Morgen kommt diese SMS von ihr, die ja gar nicht wissen konnte, dass ich hier in Kärnten bin auf einer Naturübung - oder doch? Völlig berührt versuche ich zu begreifen und schlafe darüber ein. Als ich am frühen Nachmittag erwache, hat es aufgehört zu regnen. Ich mache mich auf, um mich um meinen Platz zu bewegen, und dem Satz nachzugehen: Ich bin frei. 

Frei und mit „Apananda“ im Gepäck gehe ich los. „Ja frei“, denke ich. „ Frei steige ich jetzt langsam hoch auf die höchste Bergspitze. Franz wollte das nicht, aber ich werde vorsichtig gehen, achtsam, damit ich die Gruppe nicht durch mein Abendteuer belasten werde.“ Ich freue mich über all die Bergpflanzen und ihre Blüten. Es ist eine wunderschöne und herrliche Welt. Der Wind pfeift mir um die Ohren, und die Sonne lacht dazu. Ich steige bedächtig hoch und schaue mich immer wieder lächelnd um, und genieße die weiten Blicke ins Land. Mir fällt das Wort „Dharmakaya“ ein und damit auch das Wort von Titsch Nhat Hanh, das ich  auf einer Visionssuche in der Toskana kennenlernen durfte:

„Ich öffne das Fenster und schaue hinaus auf das Dharmakaya. Wie wunderbar das Leben ist! Achtsam in jedem Augenblick ist mein Geist klar wie ein stiller Fluss.“

Wie wunderbar das Leben ist! Das fühle ich in diesem Moment auch. Und das Thema des Ballcourt-Rituals – Sterben zu lernen, um besser leben zu können – taucht ganz präsent auf. Ich gehe meinen Weg .... meinen Weg .... Es ist gut den Berg hochzugehen. Es macht so glücklich und frei. „Was ist jenseits?“ fragten wir uns in den Tagen des Ballcourts immer wieder.  Finde ich hier eine Antwort? 

Ich steige auf dem Grat den Berg hoch und entdecke fast ganz oben einen Teich. Ich bin etwas überrascht und gleichzeitig entzückt, denn ich finde dort die gleichen Wasserpflanzen, denen ich bei einem  Pflanzenritual im letzten Jahr begegnet bin. Die Magie der Teichrose hat mir viel über meine Fähigkeiten erzählt. So kommt es mir vor, als würde ich an diesem Tag nochmals eine Bergtour durch meinen Schatzgarten machen. 

Ich achte staunend auf meinen Weg und fühle, dass ich in besonderen Energien unterwegs bin. Ich genieße den Wind, der mir die Haut kühlt auf 2000m Höhe, die ganz und gar durch das Hochsteigen erhitzt ist. Ich ziehe mich nackt aus und lasse mich vom Wind streicheln und massieren in dieser luftigen Höhe. Frei fühlt sich das an .... unendlich frei. Wie oft bin ich schon gestorben in meinem Leben, um so zu fühlen? Ich stehe zwischen Himmel und Erde und fühle den Zaunreiter in mir.

So komme ich langsam an bei einem riesengroßen Murmeltierbau. Achtsam leise setze ich mich in die Nähe und beobachte diese putzigen Tiere. Obwohl sie ein karges und gefährliches Leben führen, sind sie freudig und stets in einem frohen Treiben. Es berührt mich, wie sie in dieser Bescheidenheit glückselig im Alltag sind. Demut vor dem göttlichen Plan haben? Ist das die Botschaft? Ich verweile lange dort haben und verspüre intensiv diesen glücklichen Moment des Schauens

Ich beginne dann langsam abzusteigen. Hoch oben an der Wegschleife, die wieder hinunter zum Hof führt, entdecke ich einen Platz, der mich einläd hinzusitzen. So sitzend schaue ich über die „Welt“. Es berührt mich sehr, als ob ich auf einem Thron sitzen würde wie ein König, der auf sein Reich schaut. Mir gegenüber zeigen sich die Karawanken ... schneebedeckt und glänzend. 

Um mich bei mir zu halten und nicht vor lauter Freude fliegen zu wollen, mache ich eine Qigong-Übung, die wir in diesen Tagen von Franz gelernt haben: das Meister – Qigong. Die Übung erfüllt mich sehr und verbindet mich mit allem um mich herum

Danach steige ich vollends ab und genieße ein paar Heidelbeeren auf dem Weg und Schafgarben-Blätter. Von meiner langen Wanderung hoch zur Bergspitze bin ich ganz müde geworden. Unter einer alten mächtigen Fichte genieße ich den Sonnenuntergang, der ein zartes Rot auf die Alpenspitzen legt. 

Am Morgen gehe ich wieder zu dieser alten Fichte und staune im morgendlichen Glanz über einen Habicht, der aus der Wiese hervorsteigt und sich auf einen Zaunpfosten vor mir niederlässt. Als ich versuche, von diesem schönen Tier ein Handyfoto zu machen, fliegt er geschmeidig  und ruhig davon. „Bescheiden den Moment genießen, sich nicht unehrenhafte Vorteile verschaffen.“ Ich verstehe nochmals das Teaching des Vortages, bescheiden zu sein und den Moment zu ehren in seiner ganzen Fülle. So könnte trotz aller Schwere im Alltagsleben immer wieder Glückseliges in mir aufsteigen. Apananda soll die Mahnung sein.

Ich mache mich auf zum Kreis, um wieder eingeräuchert zu werden in die Gemeinschaft und in die Alltagswelt.

  

Nachschwingende Gedanken:

 

In den Folgetagen stirbt mein Vater überraschend. Ich lese bei der Trauerfeier folgende Sätze aus Rilkes Stundenbuch:

„ Du siehst, ich will viel.

Vielleicht will ich alles:

das Dunkel jedes unendlichen Falles

und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

 

Es leben so viele und wollen nichts,

und sind durch ihres leichten Gerichts

glatte Gefühle gefürstet.

 

Aber du freust dich jedes Gesichts,

das dient und dürstet.

 

Du freust dich Aller, die dich gebrauchen

wie ein Gerät.

 

Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,

in deine werdenden Tiefen zu tauchen,

wo sich das Leben ruhig verrät.“  

 

Heute fühle ich, dass die Seele meines Vaters in diesen Tagen in den Nockbergen meine Seele besuchte. Es bedeutet für mich ein Geschenk, als hätte mein Vater mir seine Erbe gezeigt. Dafür bin ich in aller schmerzhafter Trauer um ihn sogar glückselig.

 

Andreas-Apananda             Juli 2011

 



Andreas Vierling
Telefon +49 - (0)7224 - 988 907
E-Mail info@andreasvierling.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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